fahrraddiebe

Herr Oettinger und die Fahrraddiebe

Gestern wurde mir um ein Haar mein Fahrad geklaut. Mein Schloss hielt der Heimtücke stand. Gegen Frust und Zerstörungswut war es jedoch machtlos. Das machte mich sehr wütend. Erst ein Verwahrloster konnte mich besänftigen.

Ich hätte es wissen müssen. Der nette Verkäufer mit dem bronzenen Teint gab mir noch eine Warnung auf den Heimweg. Ich solle aufpassen, sagte er. “Es ist eine Schönheit. Das zieht begehrliche Blicke auf sich”, sagte er.

Aber mein Besitzer-Stolz setzte sich nicht nur in meinem Herzen fest, sondern auch in meinen gesunden Menschenverstand. Ein schönes Rad, ja, schlank, nur das Nötigste dran, kein Schnickschnack, schwarz-glänzender Rahmen, und ein schwarz-weißer Mantel. Natürlich zieht es die Blicke auf sich, dachte ich mir. Aber es kam mir nicht in den Sinn, es zu behüten wie ein übereifersüchtiger Vater sein Töchterchen. Was angemessen gewesen wäre.

Bild: Ladri di biciclette (1948), zu Deutsch “Fahrraddiebe”.

Herr Oettinger

Denn die Schönheit meines Fahrrads sollte mir zum Verhängnis werden (Immerhin: Es wurde nicht von einem dahergefahrenen Klapprad geschwängert). Als ich mein Fahrrad gestern abend wutentbrannt auf der Schulter zur S-Bahn trug, meinte ein hinter mir laufender, laut und fröhlich singender Verwahrloster feststellen zu müssen: So ein schönes Rad, das würde er fahren, nicht tragen.

Ich drehte mich um und schaute ihn böse an. Seine Fröhlichkeit verwandelte sich in Unsicherheit. Bier der Marke Oettinger tropfte aus seinem Bart. Ich sagte, auch ich hätte bevorzugt, es zu fahren und nicht zu tragen, aber man habe versucht, mir das Fahrrad zu klauen. Als der Dieb jedoch nicht an meinem tapfer gegen jegliches Unrecht in der Welt kämpfenden Fahrradschloss vorbeikam, hat er sich entschieden, die Schönheit – wenn er sie schon nicht in seinen Besitz bringen kann – so doch wenigstens zu zerstören. Da war selbst mein tapferes Schloss machtlos, als er mit seinen schmutzigen Diebesfüßen meine Felgen malträtierte.

Beide kacke, die Welt und Jürgen Wegmann

“Uiuiui, das ist aber böse”, sagte der Verwahrloste. Ich dachte, er wolle mich auf den Arm nehmen, wolle die mir widerfahrene Ungerechtigkeit aufwiegen mit seinem ganz persönlichen Elend. Aber Herr Oettinger, so nenne ich ihn jetzt einfach mal, um nicht ständig auf seiner Körperhygiene rumreiten zu müssen, war kein Fahrraddieb, und seinen naturtrüben Bieraugen fehlte der stechende Blick des Zynikers.

Seine offensichtliche Armut hatte ihn nicht mißgünstig gestimmt, höchstenfalls fatalistisch, oder auch wahnsinnig. Das Bier sorgte sicherlich für einen zusätzlichen empathischen Schub, als er mir versicherte: “Schade. S’ wirklich schön. Die Welt ist grausam.”

Und Herr Oettinger hat recht. Die Welt ist ein Scheißhaufen. Sie folgt dem Sinnspruch des ehemaligen Fußballspielers Jürgen Wegmann: “Wenn wir schon nicht gewinnen können, können wir ihn wenigstens den Platz kaputt treten.” Kack Jürgen Wegmann.

Die ehrliche Anteilnahme von Herrn Oettinger rührte mich, und ich vergaß meinen Zorn. Wir trotteten nebeneinander her. “War sicherlich teuer, oder? Ich schätze, so einssechs mindestens, oder?” Hin und wieder stimmte Herr Oettinger ein Lied an. Er hatte eine schöne, feste Stimme.

2 Responses to Herr Oettinger und die Fahrraddiebe
  1. Daniela Reply

    Sehr rührend diese Geschichte! Hoffe dem Rad geht es gut?

    • Tim Reply

      Ja, inzwischen geht es dem Rad wieder gut. Es freut sich über neue Laufräder und Bremsen. Will aber mal geputzt werden. Luxusprobleme halt

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