Car on Fire

Flammburg, meine Perle

Wurden heute Nacht von zwei Polizisten kontrolliert, weil die Hafengegend durch ein brennendes Auto illuminiert wurde. Luxuskarossen gehen in Hamburg leicht in Flammen auf. Und keiner weiß: Ist es politisch, idiotisch oder beides?

Hamburg, Montagnacht, halb zwei, am Deich. Blendend helles Scheinwerferlicht im Rückspiegel. Eine Familienkutsche mit Ratzeburger Kennzeichen hält hinter unserem Wagen. Seltsam.

Wir wollen aussteigen, als uns zwei freundliche junge Männer, einer schlank, blond, halblange Haare, der andere etwas fülliger und brünett, freundlich ihre Dienstmarken unter die Nase halten. Zivilpolizisten mit dem Aussehen von Zivildienstleistenden. Wie schlau. “Dürfen wir die Papiere sehen?”. Dürfen. Wow. Der Blonde braust mit den Ausweisen ab in den Zivildienstwagen. Der andere bleibt bei uns und stets um Freundlichkeit bemüht.

Leseschwäche

In Hollywood-Filmen werden Ausweise einfach durch ein Lesegerät gezogen. Was auch praktisch ist, weil es Beamtenbestechung dann unabhängig von etwaigen Bargeldreserven macht. Lesegeräte gibt es bei uns aber nur in Supermärkten. Bei der Polize  hingegen wird alles noch per Funk gemacht.

Am anderen Ende der Leitung sitzt sicherlich ein schnauzbärtiger Mann mittleren Alters in der Nachtschicht. Der tippt unsere Namen in eine Schreibmaschine, steckt sie in die Rohrpost, und erhält fünf Minuten später die Bestätigung, dass es sich bei den Personen um gesuchte Verbrecher handelt. Oder, wie in diesem Fall, nur um uns.

100 Kollegen

Fünf Minuten sind das, die es jedoch irgendwie zu überbrücken gilt. Ich suche das Gespräch mit dem Brünetten. Was passiert sei. Er sagt: “Es hat wieder gebrannt.” Wieder ein Auto, hier in der Nähe. Ich frage, ob er zu der Soko gehöre, von der man schon gelesen hat. Er sagt: “Ja! Seit letztem Jahr sind 100 Kollegen im Einsatz.” 100 Kollegen. Soso. Was für ein Scheißjob das doch sein muss.

Aus der Presse wissen wir, dass die 100 Kollegen meist nicht mehr finden als Brikettreste auf verschmurgelten Reifen von Edelkarossen. Einem bekannten Schanzen-Auto-Social-Media-Spezialisten hat neulich ein 42jähriger Harlunke den selbstgebastelten Flitzer angezündet. Dabei handelte es sich nicht um eine Edelkarosse. Nur um eine Geschmackssache. So ein Spack (der Brandstifter natürlich).

Der perfekte Zivilbulle

War das jetzt nun eine politisch motivierte Tat, oder bloßer Vandalismus? Oder eine kreuzfidele Mischung, also politischer Aktivismus? Ist das überhaupt Aktivismus? Nüchtern betrachtet: Politikverdrossenheit sieht anders aus. Wird nur selten nüchtern betrachtet. Während ich mich mit meiner ideologischen Unbedarftheit arrangiere, erzählt der Brünette vom verpfuschten Polizei-Digitalfunksystem, an dem schon seit Jahren für viele viele viele Hundert Millionen Euro gebastelt wird. Obwohl inzwischen jeder Taxifahrer sowas besitzt.

Irgendwann Recht schnell gehen uns allerdings die Gesprächsthemen aus. Ich versuche, mir den Brünetten genauer anzusehen, aber er entzieht sich meiner Betrachtung. Als ob mein Blick an ihm abrutschen würde. Nichts Markantes, total harmlos, der perfekte Zivilbulle. Dann kommt sein Kollege zurück. Er sagt:  “Alles in Ordnung.” Sie wünschen uns noch einen schönen Abend. Ich gebe dem Brünetten einen Fünfer Trinkgeld, mehr war nicht da, nächstes mal mit Karte, ja?

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