krass

krass & bündig

“Krass sagt man nicht, das darf man nicht”, belehrt mich mein Neffe, wenn ich etwas krass finde. Mein Neffe ist vier und meine Schwester wünscht sich für ihre Kinder, sie mögen in einer unkrassen Welt aufwachsen.

Das irritiert mich jedes mal, weil mich allein die lautmalerische Wucht des Wortes krass beeindruckt. Krass. Ein Wort wie eine Pistolenkugel. Krrrrrrrr….dieses krächzende Kratzen in krass findet sich als ureingeborener Laut inzwischen leider nur noch sporadisch in der deutschen Sprache. Wer von diesem phonetischen Gewitter in all seiner labiovelaren Herrlichkeit nicht genug bekommt, sollte eher in die Schweiz auswandern, oder nach Holland. Hüben wie drüben bringen sie ein heiser schnarchendes “chrrrr” in nahezu jedem Wort unter, auch in “Marmelade” oder “Sommersonnenwende”. Weswegen Portugiesen und Brasilianer und Chinesen diese Länder eher meiden.

Wäre “krass” ein Mensch, es wäre einer dieser kleinen und sehnigen Typen, der bei einer Schlägerei – natürlich von ihm selbst angezettelt, denn jähzornig ist er obendrein – ständig unterschätzt wird und dann dem verdutzten Muskelprotz auf die Fresse gibt. Kein Wunder, dass meine Schwester ihren Kindern den Umgang mit krass verbietet. Ich durfte damals auch nicht “Scheiße” sagen, oder “Hurensohn” und “Motherfucker”. Mir wäre der Mund mit Seife ausgewaschen worden – so wie es Ma Dalton in den Lucky Luke Comics macht, wenn ihren feinen Söhne mal wieder ein “!@$§§!!&” oder ein “!#?%!#” aus den Schnodderschnauzen entfährt.

Natürlich hätten die Daltons sowas wie “Motherfucker” niemals sagen dürfen. Das wäre einfach zu krass gewesen. Aber zurück zu meinem Neffen, der auch nicht “Motherfucker” sagen darf, und auch zurück zum eigentlichen Ausgangspunkt dieses Posts: einem Beitrag auf Spiegel Online. Dort titelt es sich im Panaroama-Teil schön bündig: “kurz & krass: Dusselige Einbrecher rufen Polizei zu Hilfe”, und beschreibt das Schicksal von zwei Möchtegern-Daltons, die während eines Bruchs im Aufzug stecken bleiben und dann aus schierer Verzweifelung und Geistesschwäche heraus die Polizei rufen. Als die Beamten an dem Ort des Geschehens ankamen, den man eher Schandfleck als Tatort nennen sollte, dürften sie sich wohl auch gedacht haben: “Krass, das sind ja zwei selten dämliche Motherfucker!”

Mein Neffe hat Respekt vor der Polizei. Er möchte zwar lieber Pirat werden, und das ist auch sehr unterstützenswert, weil eine Beamtenlaufbahn zwar viel Sicherheit bietet, aber doch nur begrenzte Verdienstmöglichkeiten, im Gegensatz zur Piraterie, die sicherlich sehr lohnend sein kann. Jedoch, und jetzt kommt ein krass krummes Bild: Das Klicken der Handschellen baumelt über ihm wie ein Damoklesschwert. Die kleinsten Verstöße – etwa mit den Schuhe den Hausflur betreten oder den Bus zu Monatsbeginn mit der abgelaufenen Karte des Vormonats betreten – rechtfertigen für ihn eine Großrazzia mit SEK-Unterstützung. Das reibt er einem dann auch mit weit aufgerissenen Augen und Nasenlöchern ins Gewissen. “Das darf man nicht. Da kann man verhaftet werden.” Ich denke, die Damen und Herren Redakteure von Spiegel Online haben jetzt eine ungefähre Vorstellung davon, was sie erwartet, sollte mein Neffe das mit ihrer Überschrift spitzkriegen. Aber von mir erfährt er es nicht. Ehrenwort.

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