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Das Wichtigste


Seit ich denken kann, lief Maria Schmidt durch die Dortmunder Innenstadt. Sie reckte ein Schild in die Höhe, auf dem stand “Jesus rettet”. Und für alle, die sie trotzdem übersahen, rief sie immer wieder so laut sie konnte: “Das Wichtigste! Das Wichtigste!” Nun ist Maria tot. Ein Nachruf.

Jesus rettet
Über Tote sagt man bekanntlich nichts Schlechtes. Als Maria Schmidt sich noch bester Gesundheit erfreute, redeten wir schlecht über sie. Sie war die penetrante alte Dame, die durch die Dortmunder Einkaufsstraßen taperte und “Das Wichtigste” verkündete, sie rief immer wieder nur diese beiden Worte, stets mit der gleichen Betonung. Dazu hielt sie das blau-weiße Schild hoch. JESUS rettet! Es waren ihr Mantras, und die Leute liefen an ihr vorbei oder lachten sie aus. Nur wenige blieben stehen, um mit Maria Schmidt zu diskutieren, über Jesus und wie er jeden einzelnen von uns rettet. Auch wir lachten sie aus und äfften sie nach, wenn sie uns entgegenkam. “Das Wichtigste” echoten unsere Stimmen dann über den Westenhellweg.

Einmal ging ich zu ihr hin und nahn von ihr ein kleines Heftchen entgegen. Es zeigte eine Bekehrung als Bildergeschichte. Ein Junge und ein Mädchen glauben nicht an Jesus. Sie sind ganz schmutzig vor Unglauben, und zwar wortwörtlich. Ihre Kleidung ist fleckig, ihre Mundwinkel sind nach unten gezogen. Da kommt plötzlich der Herr Jesus vom Himmel gefahren. Als sie sich zu ihm bekennen, wäscht der in einem weißen Gewand gekleidete Bartträger mit dem Heiligenschein (es ist nicht übertrieben, genau so wurde es dargestellt) den kleinen Heiden die Sünden vom Leib. Die Kleidung ist nun fleckenlos, die rundlichen Kindergesichter glühen vor Freude und christlicher Hingabe.

Dreckige Heiden
Die Frau gab mir dieses Heftchen, da war ich vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, trug einen Armyparka und zerrissene Jeans, meine Haare waren rot gefärbt und verfilzten zu Dreadlocks. Vielleicht gab sie mir die Kindergeschichte, weil ich aussah wie eines der kleinen Heiden. Maria Schmidt predigte ein Leben nach Gottes Gesetzen. Auf den einfarbigen Zetteln, die sie sonst noch verteilte, stand eine ganze Menge Hardcore-Christen-Bullshit. Vielleicht wollte sie mich bekehren, weil sie dachte, ich sei vom Teufel besessen. Vielleicht wollte sie mir aber auch helfen, auf eine Art, die mir immer fremd bleiben wird.

Am Montag ist Maria Schmidt im Alter von 81 Jahren gestorben, ich weiß nicht woran. Bis jetzt kannte ich nicht einmal ihren Namen, nur ihre Erscheinung. In den Foren der Westfälischen Allgemeinen Zeitung erinnern sich die Menschen an sie als wandelndes Wahrzeichen, als tapfere Frau Gottes, als verrückte Hardlinerin. Es gibt sogar schon einen christlichen Hiphop-Tribute-Track auf Youtube. Sie hat sich die Hacken wund gelaufen für ihren Gottessohn. Ich hoffe, in dem Himmel, in dem sie jetzt ist, zahlt sich das aus.

Bild: Felix Krija

 

4 Responses to Das Wichtigste
  1. E. von der Mark Reply

    Wahrscheinlich ist es schon etwas länger her, dass Sie den Flyer von Maria Schmidt bekommen haben. Ich habe den gleichen Flyer bekommen, aber Jesus wird nicht als Bartmann im weißen Kleid mit Heiligenschein dargestellt, sondern als Gekreutzigter. Und das Blut des Gekreutzigten Gottessohnes reinigt die Kinder von ihren Sünden. Das 3. Kind auf dem Flyer – der mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln – lehnt die Versöhnung mit Gott ab.
    Woher wollen Sie wissen, dass Ihre Ansicht über Gott und Sünde richtig ist? Und wenn nun der “Hardcore-Christen-Bullshit” wie Sie es nennen die harte Wahrheit ist?

  2. Tim Reply

    Ja, das liegt schon mindestens zehn Jahre zurück, ich gebe zu, dass meine Erinnerung lückenhaft ist. Jetzt, wo sie den Flyer genau beschreiben, kommt Licht ins Dunkel. Was ich sicher wusste: die Symbolik war schrecklich naiv. Und die Dichotomie Jesus gefunden = glücklich und rein, Jesus abgelehnt = unglücklich, dreckig (und wahrscheinlich verdammt) ist mir für mich nun einmal “Hardcore-Christen-Bullshit”. Das passiert immmer, wenn man mir in Glaubensfragen ein entweder/oder unter die Nase hält. Aber natürlich weiß ich nicht, dass meine Ansicht über Gott und Sünde richtig ist. Ich vermute es nur, sonst hätte ich sicherlich eine andere. Genau das war auch mein Problem mit der Message von Frau Schmidt. Dass sie ihre Vermutung als Wahrheit verkündet hat. Und Wahrheiten sind mir zu absolut. Eine Frage: Besitzen Sie den Flyer noch? Ich würde ihn mir gerne noch einmal ansehen.

    Viele Grüße

    Tim

  3. E. von der Mark Reply

    Ja ich habe den Flyer noch! Ich schicke Ihnen ein eingescanntes Exemplar an tim[ät]krautpleaser[punkt]de
    Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Gibt es keine, ist alles belanglos – eine schreckliche Vorstellung. Gibt es eine, dann hat das eben Konsequenzen und diese werden teilweise gerne verdrängt.
    Auch wenn das Wort heute negativ belegt ist – Fundament braucht jeder, sonst fällt er um.

    Liebe Grüße

    Erhard

  4. [...] gar nicht so schlimm Autor Tim am May 5, 2011 • 11:47 Noch unkommentiert Neulich habe ich vom Tod d... krautpleaser.de/2011/05/kinder-der-tod-ist-gar-nicht-so-schlimm

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