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Leichenschau mit Suzanne Levesque

Gefrorenes Wasser und deformierte Körper: Die Künstlerin Suzanne Levesque – der Name wird polnisch ausgesprochen, nämlich Levek, ist aber eigentlich frankokanadisch – hat noch nicht einmal ein Diplom. Das braucht man meines Wissens zwar auch nicht, aber ich wollte damit auch nur sagen: Sie macht noch ihren Abschluss, ist noch nicht mal fertig. Trotzdem sind ihre Arbeiten wichtiger und besser als mein gesamter Universitäts-Outpout. Wie geil wird das erst mit Diplom?

Kunst ist Geschmackssache. Und ich bin natürlich davon überzeugt, einen äußerst guten Geschmack zu haben. Wer das nicht von sich behauptet, kann sich eigentlich auch gleich die Kugel geben. Nun hat mir neulich eine Freundin eine andere Freundin vorgestellt. Die war gerade zu Besuch in Berlin, also die Freundin der Freundin. Mir wurde gesagt, die Sanni, so der Name der Freundin-Freundin, die Sanni, die ist Illustratorin. Ich dachte: Da will jemand netzwerken und ausgucken, ob ich nicht vielleicht irgendwo eine Illustratorin unterbringen kann. Oder hin und wieder einen Job für sie habe. Die Freundin saß kiffenderweise auf ihrem Sofa, daneben die Sanni, in Jogginghose, und sah ganz und gar unkünstlerisch aus.

Sie hat mir alsbald ihr Online-Portfolio gezeigt, etwa mehrere Eiswürfel-Studien. Selbst wenn die Dinger in eine Cuba Libre gekippt werden, schmelzen sie schneller als einem lieb ist. Suzanne meinte, sie habe extrem schnell zeichnen müssen, sie konnte ihrem Modell ja nicht sagen: “Halten Sie doch einmal jetzt ihre Position, ach bitte, jetzt zerlaufen Sie doch nicht so!”

Eine andere Serie zeigt Leichen, die sie in einem Krankenhaus portätiert hatte. Eine fette Frau mit nur einem Bein, deren Brüste sich über den bunt gefleckten Oberkörper verteilen und deren künstlicher Darmausgang sich nach außen gestülpt hat. Wer schon einmal tote Menschen gesehen hat (und jetzt nicht ständig welche sieht, weil er oder sie Rettungssanitäter oder O.P.-Schwester ist, das zählt nicht), der wird mir vielleicht zustimmen, wie befremdlich das ist, nicht eklig, aber man spürt eine Distanz, weil man die leblosen Körper nicht mehr richtig als Mensch wahrnimmt, aber etwas in uns sich auch dagegen stäubt, sie nur als Objekte zu betrachten. Dieses Befremden spürte ich wieder, als ich die Leichen-Portäts von Suzanne Levesque sah. Ich war gleichzeitig fasziniert und abgestoßen.

Suzanne Levesques Website

 

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