janet_head

Der Putzfrauentest

Meine Freundin K. hat eine neue Putzfrau. Sie heißt Janet und K. sagt, sie sei ein wahrer Sonnenschein. Janet ist irgendwas um die 50 und kommt aus Afrika. Woher genau wissen wir nicht, wir fragen aber das mal. Aber es ist auch egal, ob sie aus dem Swasiland oder dem Schwabenland kommt: Denn Janet putzt und singt dabei, die ganze Zeit, weil sie auch in einer Gospelkirche singt (nicht putzt) und sich dann um viele kleine Kinder kümmert.

Ich glaube, K. hat Janet schon jetzt ins Herz geschlossen. Eine Putzfrau, die nicht nur putzt, sondern auch singt und deswegen zu Recht einen wahren Sonnenschein genannt werden kann, sollte man an sich binden. Deswegen weiß ich auch nicht, was mich ritt, als ich vorschlug, mal herauszufinden, wie gut Janet denn putze.

Nicht, dass es mir wichtig wäre. Ich putze selbst ganz hundserbärmlich und sauge nur ungern in den Ecken, an die man so schlecht rankommt, weil man sich bücken muss. Da kann ich kaum von anderen verlangen, sauberer zu sein. Ich sah es als ein Spielchen, dessen Ergebnis nicht zwingend erforderlich einen Sieger hervorbringen würde.

Ich riss also einen kleinen Zettel von einem Block und begann, Papierkügelchen zu formen und in unterschiedlichen Ecken der Wohnung zu verstecken: hinter einem Küchentischbein, unter der Kommode im Flur, und plötzlich meinte K., dass sie eigentlich gar nicht wirklich wissen möchte, ob Janet die Kügelchen nun findet oder nicht. Weil sie sich auf ihre Sonnenschein-Putzfrau nicht schon im ersten Augenblick ein dunkler Schatten legen soll.

Denn wer weiß: Vielleicht findet Janet die Kügelchen nicht, putzt aber ansonsten alles blitzeblank. Vielleicht hat sie auch einfach einen ausreichenden, einen genügenden, einen gesunden Sinn für Sauberkeit und weiß, dass man die fünf Quadratzentimeter zwischen Tischbein und Wankachel nur einmal im Monat putzen muss, und nicht jede Woche.

Jedenfalls habe ich mich automatisch ein bisschen geschämt, weil ich aus Pedanterie ein Spiel gemacht habe. Denn das macht man nicht. Wir sind ja nicht bei Frauentausch, wo der Pedant aus Ditzingen bei Stuttgart den Putzküsten seiner neuen Lebensabschnittsgefährtin mit dem weißen Handschuh nachgeht. Wir beide haben uns wohl ein wenig geschämt, K. und ich. Und das zurecht.

Erleichtert fingerte ich die Kügelchen aus den Ecken, es war nicht ganz einfach, sie haben sich versteckt, und als ich sie doch noch erwischte, wurde mir ganz leicht ums Herz. Merke: Mit Pingeligkeit spielt man nicht. Und K. und ich sagten unisono: „Besser so, wir sind doch keine Schwaben.“ Da habe ich mich gleich wieder ein bisschen geschämt.

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